1873 – 1900: Die zweite Generation übernimmt das Ruder...

Franz Berg, der drittjüngste Lotsensohn, starb am 3. März 1875 mit nur 32 Jahren an einem Brustleiden und hinterließ eine Witwe mit mehreren Kindern; am 1. Januar 1876 verstarb schließlich die Lotsenwitwe Marie Berg, geb. Holtz, mit 66 Jahren an „Altersschwäche“ – das Haus am Leuchtturm 4 ging als Eigentum in die Hände des Nesthäkchens Anna über.


Warnemünder Notgeld vom Mai 1922.
Quelle: Privatsammlung A. Mehrländer
(Berlin).

Die zwanzigjährige Anna Berg hatte bereits am 29. Oktober 1869 den aus Kröpelin stammenden und 12 Jahre älteren Reisermeister Christian Bollwahn geehelicht und lebte mit ihm vom Tag der Eheschließung an im Haus Leuchtturm 4. Christian Bollwahn selbst hatte am 30. März 1869 die Erlaubnis erhalten, am Diedrichshägener Weg einer Reiserbahn (=Seilerbahn) auf einem für jährlich 10,50 Mark von der Stadtkasse Rostock gepachteten Gelände zu betreiben.

Das Ehepaar Bollwahn sollte nur einen Sohn bekommen: Am 18. Dezember 1870 gebar Anna den kleinen Moritz Heinrich Wilhelm Bollwahn, der eine glückliche Kindheit am Leuchtturm 4 verbrachte und kurz vor der Jahrhundertwende Erna Kröplin heiratete. Zu dieser Zeit, um 1900, hatte sich der 1882 von Korbmacher Wilhelm Bartelmann erfundenen Strandkorb bereits in Warnemünde etabliert: 555 Körbe standen im Sommer 1900 am Warnemünder Strand! Und Warnemünde besaß inzwischen elektrisches Licht!

Zur selben Zeit, also 63 Jahre nach Erbauung des Hauses Am Leuchtturm 4, nahm der Rat der Stadt Rostock die Regulierung der Straße „Am Leuchtturm“ vor. Der Antrag des Stadt-Bauamtes an den Hafenbau-Direktor Herner, Hafenbau-Bureau Rostock, stammt vom 5. April 1898:

[...] Da die Arbeiten möglichst beschleunigt in Angriff genommen werden müssen, um sie vor Beginn der Saison fertig stellen zu können, bitten wir bei E. E. Rath zu beantragen, dass uns der erforderliche Betrag von 9800 M zum außerordentlichen Etat pro 1898/99 schon vorweg zur Verfügung gestellt werde [...]

„Ostessebad Warnemünde: Am Strom – etwa 1900“
Quelle: Privatsammlung A. Mehrländer (Berlin)


Die Regulierung mit „beidseitigem Kantstein, einer aus Klei u. Steinschlag herzustellenden Fahrbahn mit Rinnsteinpflasterung aus Kopfsteinen II. Sorte“ wurde von der Georginenstraße bis zur Straße „Am Strom“, ohne Einbeziehung des Concertplatzes, durchgeführt.


„Erna Bollwahn, geb. Kröplin
mit Tochter Käthe (1899-1967)
im Jahr 1899.“
Quelle: Privatsammlung Henning Gärner
(Hemmingen).

Unmittelbar nach Abschluss dieser Arbeiten kündigt die Stadtkasse Rostock am 1. Dezember 1900 den Pachtvertrag mit Christian Bollwahn auf - nach 31 Jahren. Zu dieser Zeit war Moritz Bollwahn bereits Kapitän in Rostock und fuhr zur See, während seine Frau Erna mit den Kindern Käthe Anna Auguste Lisette Marie (*2. März 1899) und Moritz Christian John (*21. April 1900) am Leuchtturm 4 bei Anna und Christian Bollwahn lebte.

Um die Jahrhundertwende befanden sich die Bollwahns, deren finanzielle Verhältnisse nicht einfach gewesen sein dürften, in illustrer Gesellschaft. Zu ihren unmittelbaren Nachbarn zählten nicht nur der Lotsenkommandeur Stephan Jantzen (20.07.1827 - 19.07.1913), der Am Leuchtturm 1 ansässig war, sondern auch der Hofkorbmacher Wilhelm Bartelmann (1845 - 1930), der um 1887 mit seiner Frau Elise (1848 - 1927) das Haus Am Leuchtturm 10 bezog. Im Haus Am Leuchtturm 5 wohnte Stephan Jantzens Sohn Magnus, seines Zeichens selbst Schiffer. Am Leuchtturm 6 betrieb der italienische Weinhändler Cäsare Caneppele das „HOTEL AM MEER“, am Leuchtturm 15 reckte stolz das HOTEL BERRINGER seinen Dachfürst in die Meeresluft und am Leuchtturm 16 betrieb A. Colas das HOTEL PAVILLON – Warnemünde mauserte sich zum beliebten Seebad, die Sommergäste strömten.


Text und Recherche: Dr. Andrea Mehrländer (© 2015); die Auskünfte zur Familie Bollwahn stammen von Henning Gärner, Hemmingen (© 2012/13)